Aus Anlass des Konzerts im Rigaer Dom „Nachklänge der Reformation – Musik aus dem lutherischen Riga und dem Kurland“ Interview mit dem Dirigenten Māris Kupčs

Dirigent Māris Kupčs Bild vergrößern Dirigent Māris Kupčs (© Didzis Grozs) „Mozart würde Steinway nicht mögen!“

Das 500-jährige Reformationsjubiläum ist bereits in vollem Gang. Wenn in diesen Tagen Fragen der kirchlichen Erneuerungsbewegung im 16. Jahrhundert und seiner zentralen Gestalt, Martin Luther, neu erörtert werden, denken wohl die wenigsten unmittelbar an den musikalischen Kontext. Anders jedoch Māris Kupčs, der mit seinem Konzert „Nachklänge der Reformation – Musik aus dem lutherischen Riga und dem Kurland“ am 17.03. (19.00 Uhr) im Rigaer Dom eben diesen Aspekt seinen Zuhörern näher bringen möchte. Wir trafen ihn zu einem Gespräch.

Botschaft: Herr Kupčs, Sie sind nicht nur einer der renommiertesten Forscher für Alte Musik und Barockmusik, sondern starteten ihre musikalische Karriere als Chordirigent und fokussierten sich später auf das Dirigieren von Cembalos und Orchestern. Was hat Sie dazu bewegt?

Māris Kupčs: Alte Musik hat mich schon in meiner frühen Kindheit, etwa ab einem Alter von 7 Jahren fasziniert, sodass es logisch war, dass mich diese in meiner Profession begleiten sollte. Ich besuchte also die Schule, von der alle Dirigenten kommen; heute ist das die Rigaer Dom Chorschule. Anschließend war ich etwa 10 Jahre lang zweiter Dirigent des Domknabenchors. Dort hatte ich zwar bereits mit Alter Musik zu tun, doch war ich unter meinen Kollegen wohl derjenige, der sich am stärksten zu ihr hingezogen gefühlt hat und so habe ich 2005 das Institut für Alte Musik an der Lettischen Musikakademie Jāzeps Vītols mitbegründet, dessen Leiter ich heutzutage bin.

Botschaft: Am Freitag wird das Konzert „Nachklänge der Reformation – Musik aus dem lutherischen Riga und dem Kurland“ stattfinden. Was verbindet Ihrer Meinung nach die Reformation mit Lettland?

Māris Kupčs: Wie wir wissen, war die Reformation ein sehr aktiver Prozess in Riga. Zwar ging damit nicht nur Gutes einher – so wurde mehr oder weniger das komplette historische Erbe in Kirchen zerstört – doch entwickelten sich nach der Reformation gute Ideen, welche den Ursprung der Aufklärungszeit bildeten.

Zudem wurde während der Reformationszeit die Sprache sehr viel stärker in den Fokus gerückt, vor allem durch kirchliche Gesangbücher. Im Rahmen meiner Arbeit an der Lettischen Musikakademie habe ich unter anderem zwei Werke, welche einer Sensation gleichkamen, ausfindig machen können: Eine Kantate und ein Passionsoratorium aus dem 18.Jahrhundert – in Lettischer Sprache! Bis dahin war man davon ausgegangen, dass die ersten Werke in lettischer Sprache erst im 19.Jahrhundert verfasst wurden. Insofern kann man sagen, dass die Reformation auch zu den ersten kirchlichen Liedtexten, Büchern und Geschichten in Lettischer Sprache geführt hat.

Botschaft: Was verbirgt sich denn hinter dem Titel des Konzerts? Können Sie uns schon verraten, welche Werke Sie am Freitag spielen werden?

Māris Kupčs: Zunächst einmal wird es regionale Musik, d.h. Musik aus Riga und dem Kurland sein. Betrachtet man dann die Zeit während und nach der Reformation, so ist sie in kultureller Hinsicht von einem ständigen „Auf und Ab“ geprägt: Sie beginnt mit einer kulturellen Blütezeit, geht über in den Krieg, einer kulturell schwachen Zeit, zum Herzogtum Kurland, einer kulturellen Blütezeit, usw. Für Freitag haben wir nun mehrere Werke aus der Blütezeit und ein Werke aus der Krisenzeit gewählt.

Von der ersten Blütezeit spielen wir zwei Werke, welche in dem Zeitraum von 1580 bis 1590 entstanden und die ersten professionellen Lieder für Chöre waren. Dann bewegen wir uns zum Ende des 17.Jahrhunderts, der „Schwedischen Zeit“. Daraus werden wir Johann Valentin Meder, einen heutzutage recht bekannten Komponisten, sowie Johann Fischer, einen Schüler Jean-Baptiste Lullys, spielen. Beide hielten sich um 1700 in Riga auf – es ist sehr schön zwei große europäische Komponisten zur fast gleichen Zeit zusammen in Riga zu haben. Anschließend werden wir uns einem sehr berühmten Komponisten aus dem Ende des 18.Jahrhunderts widmen: Johann Gottfried Müthel, dem letzten Schüler Johann Sebastian Bachs. Beginnen werden wir das Konzert aber mit dem wohl bekanntesten Choralvorspiel, „Ein feste Burg“, geschrieben von Martin Luther und komponiert von Georg Michael Telemann, der mehr als 50 Jahre in Riga verbrachte und kulturell sehr aktiv war, z.B. auch ein Buch über die Aussprache des Deutschen schrieb. Schließlich kommen wir zu Johann Adam Hiller, welcher als Kapellmeister an der Hofkapelle des Herzogs Peter von Kurland arbeitete. Die Besonderheit an ihm ist, dass eines seiner Werke das erste ist, welches in die Lettische Sprache umgearbeitet wurde.

Botschaft: Begleiten werden das Konzert Diāna Jaunzeme-Portnaja an der Orgel, Ilze Grēvele als Sopran, der Chor Collegium Choro Musici Riga sowie das Orchester Collegium Musicum Riga. Eine Besonderheit des Orchesters ist die Verwendung ausschließlich alter Instrumente. Lässt sich das darauf zurückführen, dass man als Dirigent der Diener des Komponisten ist, wie oftmals behauptet wird?

Māris Kupčs: Es geht mir dabei um den Klang und den Geist des Werks. Ich meine, dass wir den Werken der Komponisten zu 100% entnehmen können, dass sie für ihre Werke wieder die alten Instrumente nutzen würden, da sie die Werke auch an deren Klang ausgerichtet komponiert haben. Mozart und Bach würden den Klang eines Steinway nicht mögen; darüber wurde sogar ein Buch geschrieben (Anm.: „Herr Mozart wacht auf“ von Eva Baronsky).

Wir legen großen Wert auf die Verwendung der alten Instrumente, da jedes Werk eines Komponisten Informationen enthält, welche über die Musik kommuniziert werden. Wenn ich als Dirigent ein Werk wiedergebe, muss ich dessen Informationen an den Zuhörer zu vermitteln versuchen. Dies kann mir aber nur dann gelingen, wenn ich auch die Sprache des Komponisten spreche. Die Verwendung moderner Instrumente, welche einen völlig anderen Klang haben, würde die Musik und damit die Sprache verändern, sodass ich die Informationen des Komponisten nicht wiedergeben könnte. Nur indem wir die Musik in der Sprache des Komponisten richtig wiedergeben, dienen wir dann auch dem Komponisten. Wir sind also vielmehr die Diener der Musik, da in ihr die Botschaft des Komponisten liegt.

Interview mit dem Dirigenten Māris Kupčs

Dirigent Māris Kupčs